Prof. Dr. Thomas Lindauer

Mittwoch, 21. September 2016, 9 Uhr – Aula der PH Ludwigsburg

Nicht im leeren Raum – Überlegungen zur sprachlichen Enkulturation im System Schule

Schule soll Schüler und Schülerinnen dazu befähigen, in verschiedenen sozialen Räumen, insbesondere in schulischen, angemessen handeln zu können. Da unsere heutige Gesellschaft immer weniger ein in vertikal abgrenzbare Schichten strukturiertes Sozialgefüge darstellt, sondern sich in überlappende Gruppen mit je eigenen Diskursformen gliedert, ist Enkulturation zunehmend pluri-kulturell zu denken.

Die meisten Menschen leben heute in mehreren sprachlich differenten Kulturräumen, entsprechend agil muss man sich sprachlich verhalten können, denn soziale Teilhabe zeigt sich insbesondere in einem Gruppen-adäquaten Sprachgebrauch. Daher kann sich die Schule nicht nur auf die Vermittlung einer einzigen «Kultur-» oder «Bildungssprache» beschränken, sondern muss sich damit auseinandersetzen, welche Gebrauchsformen von Sprache (welche kommunikativen Formate und Techniken) und welche Sprachfähigkeiten in der Schule sinnvollerweise wie vermittelt werden sollen.

Sprachliche Bildung gelingt nicht einfach «naturwüchsig», sondern bedarf einer sprachdidaktisch durchdachten Strukturierung einzelner Sprachlernprozesse. Insbesondere in Bezug auf sprachlich wenig agile Schüler und Schülerinnen stellt sich die Frage, mit welchen Strukturierungshilfen eine sprachliche Enkulturation in der Schule und für das Lernen in unterschiedlichen fachlichen Sprachen gelingen kann. Dabei muss die Deutschdidaktik auch darüber nachdenken, wie sprachliche Enkulturation zwischen den Fächern (horizontal) koordiniert und über alle Schulstufen (vertikal) curricular durchdacht aufgebaut werden kann, und zwar so, dass auch die schwächeren Schüler und Schülerinnen die erforderlichen Sprachfertigkeiten erwerben. Über die konkrete Ausgestaltung sprachlicher Bildung muss sich die Deutschdidaktik in einem inter- und transdisziplinären Diskurs mit anderen Akteuren des Bildungswesens insbesondere mit anderen Fachdidaktiken verständigen. Denn sprachliche Enkulturation in der Schule kann nicht allein aus sich selbst heraus, im leeren Raum gedacht werden, sondern stellt eine Aufgabe für alle an Schule Beteiligten im Kontext schulischer Bedingungen dar. Zu diesen Bedingungen gehört auch die diachrone (vergangene und zukünftige) Veränderungen von Schule und Gesellschaft.

Neben einer synchronen Perspektive aufs Sprachlernen sollte also beim Nachdenken über die sprachliche Enkulturation auch die diachrone Entwicklung des Sprachlernens bzw. des Deutschunterrichts in den Blick kommen: Sprachliche Enkulturation in Schule ist immer auch abhängig von sich ändernden gesellschaftlich-normativen Diskursen über den Bildungsauftrag von Schule und die Funktion der Fächer. Dabei zeigen sich wandelnde Erfordernisse an Sprachkompetenzen auch an technischen Entwicklungen: In einer Gesellschaft, in der die meisten Schriftstücke handschriftlich mit Stahlfedern verfasst werden, bestehen andere Anforderungen ans (Hand-)Schreiben als in einer Gesellschaft, in der auf Tablets geschrieben wird. Enkulturation heisst also immer auch, sich in eine bestehende, diachron gewachsene und sich aber auch weiter entwickelnde (Schul-)Kultur mit den ihr zur Verfügung stehenden aktuellen und zukünftigen Techniken hineinzubewegen.