Prof. Dr. Juliane Köster

Montag, 19. September 2016, 9 Uhr – Aula der PH Ludwigsburg Kulturelle Implikationen didaktischer Normen: Worin sie bestehen und welche Perspektiven sie im Literaturunterricht eröffnen Das Basler Symposion hat nicht nur für einen didaktischen, d. h. einen entwicklungsorientierten Normbegriff plädiert, sondern in diesem Zusammenhang auch einige bildungsadministrative Setzungen problematisiert. In der Retrospektive gewinnt jedoch die Frage nach den kulturellen Implikationen jeglicher Normsetzungen eine gewisse Dringlichkeit. Als Leitlinie aktueller Lernkultur bestimmen Bildungsstandards die Curricula aller Schulstufen und -formen. Deshalb soll in einem ersten Teil des Vortrags geklärt werden, inwieweit der normative Charakter der Standards den Literaturunterricht nicht nur offiziell determiniert, sondern auch latent wirksam ist. Am Beispiel der aus den Standards resultierenden Lern- und Leistungsaufgaben wird erkennbar, dass diese Normen – seien sie offen oder latent – ein hohes Ausgrenzungspotenzial haben. Denn aufgrund der Privilegierung von Wissenschaftsorientierung, von Methodensicherheit und entdeckendem Lernen stehen sie in einem Spannungsverhältnis zu Lernkulturen, die stärker auf Lebensweltbezug gerichtet sind, die die die Einzigartigkeit der literarischen Gegenstände hervorheben, sie als Vermächtnis der Vergangenheit betrachten und nachvollziehende Aneignung hochschätzen. Diese Aspekte sind nicht zuletzt auch deshalb reflexionsbedürftig, weil neue Technologien einen so immensen Distributionsraum von Wissen anbieten, dass  alle gängigen Lernkulturen tangiert sind. Auf dieser Folie fragt der Vortrag in einem zweiten Teil, wie diese lernkulturellen Spannungen moderiert werden können, sodass – bezogen auf ausgewählte Inhalte des Literaturunterrichts – Ausgrenzung gemindert und die Potenziale unterschiedlicher Lernkulturen produktiv wirksam werden. Ob und in welchem Maß Abstraktheit, Komplexität und Fülle der in den Standards implizierten Anforderungen dieses Ziel befördern, ist Gegenstand der Diskussion.